Die Bedeutung von Räumen und Angeboten für BIPoC: Rassismuskritisch, intersektional und heilend von Mariela I. Georg
Warum rassismuskritische Räume für BIPoC lebenswichtig sind
Für BIPoC (Black, Indigenous, People of Color) sind Räume und Angebote, die rassismuskritisch und intersektional gestaltet sind, von unschätzbarem Wert. Sie bieten nicht nur Schutz und Austauschmöglichkeiten, sondern auch einen Ort, an dem die oft unsichtbaren Belastungen durch strukturelle Diskriminierung sichtbar gemacht und kollektiv bewältigt werden können. Solche Räume sind Orte des Widerstands und der Heilung zugleich – sie stellen eine zentrale Grundlage für Empowerment dar.
Intersektionalität verstehen: Mehr als ein Schlagwort
Rassismuskritische und intersektionale Angebote für BIPoC greifen die vielfältigen Lebensrealitäten und Diskriminierungserfahrungen auf, die durch die Überschneidung von Rassismus, Sexismus, Klassismus und weiteren Machtstrukturen geprägt sind. Sie ermöglichen es den Teilnehmenden, sich mit ihren Identitäten und Erfahrungen auseinanderzusetzen, ohne diese erklären oder rechtfertigen zu müssen. Dies schafft Raum für Solidarität, Vertrauen und gegenseitige Stärkung.
Ein zentraler Bestandteil meiner eigenen Empowerment-Angebote in den vergangen Jahren war die Integration von Critical Wellness (Georg, 2021, 2023; Hecking et al. 2024), einem Konzept, das persönliches Wohlbefinden mit kollektiver Befreiung verknüpft. Inspiriert wurde ich von Schwarzen feministischen Denkerinnen wie bell hooks und Audre Lorde, dem kritischen brasilianischen Denker Paulo Freire sowie dem Schwarzen Erziehungswissenschaftler Tyrone C. Howard, der ebenfalls aktuell zu Critical Wellness forscht.
Critical Wellness erkennt an, dass systemische Diskriminierung Körper, Geist und Seele belastet. Es fordert radikale Selbstfürsorge als Akt politischen Widerstands und zielt darauf ab, eine nachhaltige Grundlage für gesellschaftlichen Wandel zu schaffen. In der Praxis bedeutet Critical Wellness, dass sowohl individuelle als auch gemeinschaftliche Ansätze gefördert werden. Dazu gehören aus meiner Sicht unter anderem:
Fünf Säulen von Critical Wellness in der Praxis
- Embodiment-Übungen: Körperorientierte Praktiken wie Yoga, Tanz oder Achtsamkeitsbewegungen helfen, die Verbindung zum eigenen Körper zu stärken und die Auswirkungen von Diskriminierung körperlich zu verarbeiten.
- Entspannungsübungen: Atemübungen, progressive Muskelentspannung oder bewusstes Innehalten schaffen Raum für Erholung und Regeneration, besonders in einer Welt, die ständige Produktivität fordert.
- Kritische Selbstreflexion: Durch Fragen wie „Wie wirkt sich Diskriminierung auf meine mentale und körperliche Gesundheit aus?“ werden Teilnehmende angeregt, ihre Erfahrungen zu reflektieren und neue Wege des Umgangs mit strukturellen Belastungen zu entwickeln.
- Storytelling und kollektive Heilung: Das Teilen von Erfahrungen und Geschichten in einer unterstützenden Gemeinschaft fördert Solidarität, gegenseitiges Verständnis und ein Gefühl von Zusammengehörigkeit.
- Ruhe als Widerstand: Workshops bieten gezielte Momente der Ruhe und Entschleunigung, die als Akt des Widerstands gegen gesellschaftlichen Druck verstanden werden können.
Solche Räume und Angebote haben eine transformative Wirkung. Sie ermöglichen es, Heilung als kollektive Praxis zu begreifen und Widerstandsfähigkeit gegenüber systemischer Unterdrückung aufzubauen. Gleichzeitig bieten sie die Basis, um aktiv an gesellschaftlichem Wandel mitzuwirken und Visionen für eine gerechtere Zukunft zu entwickeln.
Über Mariela Georg:
Mariela Georg, Afro-Latina-Deutsche ist Aktivistin, Autorin, Trainerin und Kinderbuchschaffende und seit über zehn Jahren im Antidiskriminierungsbereich tätig. Mit ihrem Konzept der Critical Wellness verbindet sie persönliche Heilung mit kollektiver Befreiung und inspiriert Menschen, sich in ihren Identitäten und Gemeinschaften zu stärken. www.empower-mental.de
Quellen:
Georg, Mariela. (2023). Critical Wellness: wie wir die Selbstheilungskraft unseres Körpers (re)aktivieren können. In E. Wagner, E. Adjei-Acheamfour, M. Hoàng Vũ, M. Borowsky-Islam (Hg.) Was uns empowert. Geschichten von FLINTA of Color. 192 Seiten, Unrast Verlag.
Georg, Mariela. (2021) Critical Wellness: der Link zwischen politischem Aktivismus und Self-care. Kelly N. A. (Hrsg.) Sisters and Souls 2: Inspirationen durch May Ayim. 176 Seiten. Orlanda Buch Verlag.
Britta Hecking, Luisa Bläse, Aline Fernandez Weller, Hellen Müller, Amina Nolte und Johanna Voß (2024): Modellprojekt „Gleiche politische Teilhabe“ – Methodenbrief Nummer 12 Feminismus. Methode 1: Die Ressourcen für politische Partizipation stärken: „Critical Wellness“, Berliner Landeszentrale für politische Bildung.